
Unsplash/Rishabh Dharmani
Wieso vierzehn Monate Therapie mir – fast – nicht geholfen haben
Schon immer habe ich extrem tief gefühlt – meine eigenen Emotionen, aber auch alles um mich herum. Oft so sehr, dass es mich paralysierte. Meine Strategie war dann, mich in Bücher zu flüchten – von Romanen über psychologische Fachbücher bis zu klassischen Ratgebern – um Emotionen zu verarbeiten und einen Sinn darin zu finden. Als ich vor vierzehn Monaten meine zweite Therapie begann, um meine blinden Flecken weiter aufzudecken und endlich Lösungen für die sorgfältig im küchenpsychologischen Stil analysierten Selbstdiagnosen zu finden, passierte lange Zeit erst einmal … nichts.
"Jede Session war ähnlich, über Monate: Ich redete; erzählte von meiner Woche und den Dingen, die weniger gut gelaufen sind, von versteckten Triggern, die mich wieder zurückgeworfen hatten, während meine Therapeutin mit ihren Kuschelsocken auf dem gegenüberliegenden Sessel saß, hin und wieder von ihrem Klemmbrett aufsah und mir durch ihre runden Brillengläser mitleidige Blicke zuwarf."
Statt die Ärmel hochzukrempeln und mein Leben mit wenigen Hacks zu verändern, wie ich es aus vorherigen Coachings kannte, wiederholte ich mit meiner Therapeutin irgendwie nur die Themen, die ich ohnehin schon tiefgehend im Alleingang angesehen hatte. Mein Problem war ja nicht, dass ich meine Themen nicht kannte – ich wollte nur Lösungen und praktikable Tipps, um bestenfalls aus meiner Erschöpfung zu kommen, mein Selbstvertrauen wieder aufzubauen und endlich in das Leben meiner Träume zu springen. Ganz easy, also.
Jede Session war ähnlich, über Monate: Ich redete; erzählte von meiner Woche und den Dingen, die weniger gut gelaufen sind, von versteckten Triggern, die mich wieder zurückgeworfen hatten, während meine Therapeutin mit ihren Kuschelsocken auf dem gegenüberliegenden Sessel saß, hin und wieder von ihrem Klemmbrett aufsah und mir durch ihre runden Brillengläser mitleidige Blicke zuwarf. Ab und zu sprachen wir über tieferliegende Prägungen und Muster; über die Dinge, die mein „inneres Kind“ vor vielen Jahren gebraucht hätte aber nicht bekommen hat und wie das mögliche Verknüpfungen zu meiner aktuellen Lebenssituation und meinen Beziehungen sein könnten. Wie schon erwähnt, war all das für mich nicht neu – ich hatte mich ja intensiv mit meinen Themen und Triggern beschäftigt. Wenn ich meine Therapeutin fragte, wie ich mich denn zum Beispiel ab sofort von meinen people-pleasing-Tendenzen lossagen könne, lautete ihre Antwort: „Sagen Sie doch einfach mal ‚Nein‘.“
"Öfter als einmal dachte ich über das Abbrechen der Therapie nach – bis mir meine Therapeutin nach etwa acht Monaten klarmachte, dass genau das mein Muster sei: Dinge anfangen, versuchen, und dann abbrechen, wenn noch keine Ergebnisse da sind."
Dieser Tipp ist in etwa so hilfreich, wie einem Menschen mit Höhenangst zu raten, er solle einen Fallschirmsprung machen – ohne Fallschirm. Wenn es um meine Beziehungsdynamiken ging, aus denen ich mich – trotz Besserwissen – einfach nicht lossagen konnte, riet sie mir, statt nach einer Lösung zu suchen und zu handeln, allen Gefühlen erstmal „Raum zu geben“.
Die Kunst, tiefer zu gehen
Oft habe ich mich gefragt, ob ich hier vielleicht einfach nur meine Zeit verschwende, ob ich mit anderen Methoden nicht effektiver sein könnte. Immer war da dieses Flüstern meiner inneren Stimme, ich hätte aus meinen Büchern mehr gelernt … Öfter als einmal dachte ich über das Abbrechen der Therapie nach – bis mir meine Therapeutin nach etwa acht Monaten klarmachte, dass genau das mein Muster sei: Dinge anfangen, versuchen, und dann abbrechen, wenn noch keine Ergebnisse da sind. Gerade wollte ich wütend widersprechen – schließlich hatte ich viele Dinge auch ohne Ergebnis seit Jahren durchgezogen ohne abzubrechen, das Schreiben meines Romans zum Beispiel, als mir klar wurde, dass das nicht so ganz stimmte.
Ja, ich war beruflich das erste Mal in meinem Leben länger als fünf Jahre bei einer Sache geblieben, um sie mir aufzubauen; aber selbst hier sprang ich von Projekt zu Projekt; versuchte immer, mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, ohne mich auf ein einziges Schreibprojekt zu konzentrieren oder ein anderes erst zu Ende zu bringen. Der Gedanke, dass mein eigentliches Muster in genau dem Bereich lag, von dem ich dachte, ich hätte ihn als einzigen unter Kontrolle, kam mir zum ersten Mal.
Aber während mein Kopf die darauffolgende Woche noch beschäftigt nach Ausreden suchte, tröpfelte es plötzlich in den kleinsten Alltagsmomenten in mein System – und einmal erkannt, konnte ich die Augen nicht mehr davor verschließen: Meine Gewohnheit, das Manuskript zu schließen, wenn ich eine besonders hartnäckige Stelle überarbeiten musste. Der plötzliche Drang, unbedingt früh schlafen gehen zu müssen, wenn ich eigentlich nach der Arbeit an meiner Website werkeln wollte. Die Momente, in denen ich lieber zu dem noch frischen, neuen Projekt griff statt mich mit der Umarbeitung des alten zu beschäftigen.
Ich lief weg. Und zwar überall – nicht nur beim Schreiben, das war nur kleiner Part. Auch in meinen Beziehungen. Ich sagte, ich liebte jemanden, und suchte trotzdem bei jedem Konflikt nach dem Grund, die Sache zu beenden. Aus alten Mustern – und der Angst, verletzt zu werden. In meiner Therapie hatte auf Lösungen gehofft, die mir die Erlaubnis gaben, mich einfach aus schwierigen Situationen zu entfernen, wegzulaufen, statt mich ihnen zu stellen, statt die schwere Arbeit zu machen – nicht, dass das Herumwühlen in Kindheitsthemen nicht schon schwer genug wäre – wo ich mir doch eigentlich nichts mehr wünschte, als etwas Stabiles aufzubauen.
Selbstsabotage lauert genau da, wo wir sie nicht vermuten
Wenn man einmal diese Muster entlarvt, dann sind sie so offensichtlich wie der Elefant im Porzellanladen. Aber wie faszinierend ist es bitte, dass sich die fiesen kleinen Dinger über lange Zeiträume ganz hinterlistig festkrallen – und zwar genau da, wo ich sie nie vermutet habe? Da wollte ich die ganze Zeit ein Loch überspringen und habe vergessen, den schweren emotionalen Rucksack, der mir die Kraft nimmt, erst einmal auszupacken.
Natürlich war es wichtig und hilfreich, tief in meine alten Muster und Prägungen einzutauchen, aber manchmal geht es einfach nur um das Hier und Jetzt. Also packte ich meinen Rucksack aus, nahm mir zusätzlich zur Therapie noch eine Coach, die mir dabei half, das Inventar meines jetzigen Rucksacks anzusehen, ohne mich zu sehr in der Frage zu verlieren, woher die jeweiligen Inhalte stammen und gab mir Zeit – Zeit, meiner größten Angst zu begegnen und einfach dazustehen, ohne irgendetwas zu tun.
Die Therapie ist noch nicht ganz zu Ende, und auch ich bin noch tief im Prozess, mich und mein Leben zu sortieren. Doch jetzt, nach vierzehn Monaten Therapie und Coachings habe ich zum ersten Mal wieder von innen das Gefühl, auch die Kraft zum Weitermachen zu haben, ohne vor etwas weglaufen oder mich in Büchern verstecken zu müssen.
Statt mich darüber zu ärgern, noch nicht da zu sein, wo ich hinmöchte, stelle ich mich meinen Emotionen und gehe kleine Schritte – auch, wenn es mir an vielen Stellen noch immer zu langsam vorangeht. Vielleicht wäre sogar eine andere Art der Therapie wirklich hilfreicher gewesen – aber wer weiß schon, welche Erkenntnisse sie mir geliefert hätte? Am Ende brauchte es vielleicht genau diese vierzehn Monate für einen kleinen Moment, der alles verändert.