Kolumne Mental Health

Kolumne || Mental Health: Hühnersuppe hilft der Seele nur, wenn ich sie gelegentlich auch für mich selber koche!

Ich habe mich schon immer gefragt, wer diese Soap Operas anschaut oder die Klatschmagazine beim Friseur liest. Ich verfolge diese ganzen Geschichten seit jeher mit einem gewissen Schmunzeln, quasi dem Lächeln der Wissenden: Denn ich kann euch sagen, wie es ausgeht! Sollte den Autoren der Verbotenen Liebe oder dem Bunte Magazin mal der Stoff ausgehen, trefft euch mit mir auf einen Kaffee.

Meine Familie erschien mir schon immer etwas seltsam, größer, lauter, bunter, anarchischer. Bei uns Zuhause wurden Meinungen toleriert, die manchmal für alle Beteiligten herausfordernd waren. Als sich meine Schwester in der Pubertät die Haare schwarz färbte, lange dunkle Kleider trug und ihre Nachmittage auf dem Friedhof verbrachte, nähte meine Mutter ihr ausladende, schwarze Spitzenröcke und blieb locker. Wir brachten schlechte Noten mit nach Hause und Marihuana aus Amsterdam. Ersteres endete in einem blumigen Essay darüber, wie oft mein Vater von der Schule geflogen war und zweiteres damit, uns zu zeigen, wie man einen richtig guten Joint dreht.

"Aber in genau zwei Angelegenheiten waren meine Eltern streng und ausnahmsweise vorbildhaft: Sie haben versucht uns zu vermitteln, dass wir bei allem was wir machen, gut auf uns Acht geben müssen, einfach gut mit unseren Kräften haushalten. Und dass wir Verantwortung übernehmen müssen für den Bullshit, den wir verzapfen"

Das war natürlich nicht immer witzig als Kind und im Nachhinein hätte etwas mehr Disziplin bestimmt gut getan und das Gefühl auch mal ordentlich gegen die recht entspannten Eltern rebellieren zu können. Aber mir wurde damit etwas ganz Wunderbares mit auf meinen Weg gegeben: Das Leben dreht sich gar nicht so sehr um dich, wie du meinst. Und vor allem dreht es sich weiter, egal was du machst. Das hat in all den Jahren geholfen, Fehler machen zu dürfen, nein zu sagen oder ja. Hey, du darfst dich selbst suchen und finden. Du darfst es falsch machen. Und du darfst dabei unfassbar schlecht gekleidet oder auch eine Weile auch mal stoned sein.

Das ist kein Schweinehund – das Gefühl ist zu furchtbar für ein eigenes Wort

Aber in genau zwei Angelegenheiten waren meine Eltern streng und ausnahmsweise vorbildhaft: Sie haben versucht uns zu vermitteln, dass wir bei allem was wir machen, gut auf uns Acht geben müssen, einfach gut mit unseren Kräften haushalten. Und dass wir Verantwortung übernehmen müssen für den Bullshit, den wir verzapfen. Wenn du zu viel gekifft hast, muss irgendwann eine Zeit kommen, in der du mal joggen gehst und dich fit hältst. Wenn du auf dem Friedhof rumhängst, machst du das mit ganzem Herzen. Aber vermutlich kommt der Tag an dem du merken musst, dass du wieder etwas Sonne brauchst und dann musst du dich richtig anstrengen aus deinen dunklen Gedanken rauszukommen.

Irgendwie haben sie es mit ihrer Haltung geschafft mir beizubringen, dass ich traurig sein darf oder mal eine ganze zeitlang sehr ruhig oder viel zu laut, wenn ich es brauche. Ich gestehe mir dann selber ein, mich auszuruhen – vom Trubel meines eigenen Lebens und auch vom Trubel des Lebens all der anderen Lieben, die mich umgeben. Und dann, nach einer Pause, dann weiß ich, dass ich etwas dafür tun muss, dass es mir wieder gut geht. Oh, wie ich diese Phase hasse! Es ist genau das Gefühl, wenn morgens um halb sieben der Wecker klingelt und du weißt, es regnet draußen und ein grauer Tag voller Arbeit wartet auf dich und du hast weder Bock drauf noch Motivation! Das ist kein Schweinehund – das Gefühl ist zu furchtbar für ein eigenes Wort. Aber es hilft nichts: du musst.

Ich drück auf Stop und rücke dann einiges wieder an seinen Platz zurück

Mein Leben ist in all den Jahren noch nie ruhiger geworden. Ich lebe in dieser (ehrlich gesagt unglaublich coolen) Soap Opera und manchmal ist es lustig und manchmal ist es natürlich auch zu viel. Es liegt an meiner großen, bunten Familie, den Menschen mit Hühnersuppe, dem tollen, vollen Job, der Liebe, der wundervollen Tochter, dem guten Wetterbericht, dass ich meine Tage bekomme oder jemand stirbt … Also muss ich mich gelegentlich, mal kürzer oder auch mal länger, in einigen Bereichen meines Lebens ausklinken – und danach muss ich dieses „Gefühl ohne eigenes Wort“ überwinden und irgendetwas tun. Bewegung, Ingwer-Tee, frische Luft, ach, wie ich es hasse!

Selbstfürsorge zu lernen und zu leben klingt unfassbar unsexy, aber gelegentlich jogge ich an einer Gruppe kiffender Halbwüchsiger vorbei und schmunzel: Das Gefühl ist mehr als ein Neujahrsvorsatz! Das ist nicht, ich-nehme-mal-2-Kilo-ab-oder-tu-mir-heute-was-Gutes. Das Gefühl ist, dass du wirklich sehr gut zu dir selbst schaust. Dass dein Kopf frei ist und dein Körper gesund. Dass du dir verdammt noch mal Ruhe gegönnt hast und oft auch dafür gestritten hast, diese Ruhe im Alltag überhaupt zu bekommen. Du hast immer eine zeitlang etwas aufgeben müssen: die Melancholie, den Bullshit, das Rauchen oder das Adrenalin von zu viel Arbeit.

Verantwortung für sich selbst und seine körperliche und mentale Gesundheit zu übernehmen, kann am Anfang echt anstrengend sein, finde ich. Und es gibt Menschen, die das vielleicht gar nicht in der Intensität machen müssen, in der ich es machen muss. Einfach weil ihr Leben viel ruhiger verläuft. Aber man kann sich seine Herkunft nicht immer aussuchen und manchmal sind die Herausforderungen, die einfach so da sind, auch einfach zu groß. Dann hilft nur ein selbst verpasster Tritt in den eigenen Hintern! Hey Resi, übernimm die Verantwortung für den Teil, den du im Leben wirklich beeinflussen kannst: für dich.

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